Rorschach blickt auf eine bewegte Geschichte: Von prähistorischen Siedlungen über römische Handelswege und mittelalterliche Märkte bis zur modernen Bildungs- und Industriestadt. Die Entwicklung des Ortes spiegelt über tausend Jahre Kultur und Wandel am Bodensee.
Vorgeschichte und Altertum
- Früheste Spuren: Die Region Rorschach war bereits in prähistorischer Zeit besiedelt. Das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) weist darauf hin, dass östlich des heutigen Hafens eine prähistorische Siedlung existierte und dass eine römische Strasse von Arbon nach Bregenz am Seeufer vorbei über das heutige Rorschach führte. Vereinzelt gefundene römische Münzen in der Region deuten auf reges Handeln entlang dieser Militärstrasse hin.
- Römische und alemannische Zeit: Während der Spätantike war die Gegend Teil des römischen Reichs. Nach dem Zusammenbruch des Weströmischen Reichs siedelten sich Alemannen an. Der Ort „Rorscahun“ wird um 400 n. Chr. als alemannische Siedlung „Schilfwald“ erwähnt. In der Nähe der heutigen Kolumbanskirche fanden Archäologen frühmittelalterliche Gräber und Grabbeigaben; dies deutet darauf hin, dass sich hier bereits im 6. – 7. Jahrhundert ein kleiner Friedhof und wahrscheinlich ein Bethaus befanden.





Mittelalter (ca. 800–a1500)
- Frühe Entwicklung: Um 850 ist Rorschach erstmals urkundlich belegt. Ein Alemanne namens Vurmheri schenkte dem St. Galler Kloster einen Acker zwischen „Goldaha“ und „Rorscachun“. Bis ins 10. Jahrhundert wurde das Kloster St. Gallen zum wichtigsten Grundherrn in der Region.
- Kirche und Pfarrei: Ab dem 8. Jahrhundert stand wahrscheinlich ein kleines Gotteshaus an der Stelle der heutigen Kolumbanskirche. Die Kirche wird in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts als Patronatspfarrei des Klosters St. Gallen erwähnt.
- Markt‑, Münz‑ und Zollrechte: Rorschach profitierte von der Nähe zum See. Im Jahr 947 verlieh König Otto I. dem St. Galler Abt Craloh das Recht, in Rorschach Markt abzuhalten, Münzen zu prägen und Zölle zu erheben. Diese Privilegien machten den Flecken zu einem wichtigen Hafen- und Handelsplatz, obwohl er bis in die Neuzeit ein Marktflecken und keine „Stadt“ blieb.
- Abt Ulrich Rösch und der Rorschacher Klosterbruch: Die Herren von Rorschach, Ministeriale des Klosters, spielten im Hochmittelalter eine wichtige Rolle. Fürstabt Ulrich Rösch (1463‑1491) förderte den Ort: er baute 1484 die Schifflände zum Einfuhrhafen für Getreide aus und liess 1485 das Marktrecht erneuern. Als er das Kloster St. Gallen nach Rorschach verlegen wollte, begann er 1486 mit dem Bau des befestigten Klosters Mariaberg. Gegnerische Truppen aus St. Gallen, dem Rheintal und Appenzell zerstörten den Bau am 28. Juli 1489 – der „Rorschacher Klosterbruch“. Das Gebäude wurde später als Verwaltungssitz und Schule wieder aufgebaut.






Neuzeit (16.–18. Jahrhunderta)
- Leinwand‑ und Handelshochblüte: Im Jahr 1610 führte Fürstabt Bernhard Müller das Leinwandgewerbe in Rorschach ein. Nach dem Dreissigjährigen Krieg erlebte die Leinwandherstellung einen Aufschwung; mehrere Handelshäuser wie die Familien Hoffmann, von Bayer und später italienische Familien (z. B. von Alberti, Zardetti, Salvini) handelten mit Rorschacher Leinwand. Die wohlhabenden Händlerfamilien liessen prächtige Häuser an der Hauptstrasse und der Mariabergstrasse errichten; einige sind bis heute erhalten.
- Annus Christi 1597 – eine frühe Zeitung: 1597 erschien in Rorschach die monatlich gedruckte „Annus Christi“. Laut dem HLS handelt es sich um die erste periodische Druckschrift der Schweiz und wahrscheinlich die älteste deutschsprachige Zeitung. Sie wurde in Augsburg redigiert und in Rorschach gedruckt; es erschienen zwölf Ausgaben mit Kriegs‑ und Handelsschlagzeilen.
- Kornhaus und Hafenanlagen: Rorschach blieb bis in die Moderne das wichtigste Getreidedepot der Fürstabtei. Fürstabt Cölestin Gugger liess 1746–1749 das monumentale Kornhaus durch den Vorarlberger Baumeister Johann Caspar Bagnato errichten. Dieses barocke Gebäude diente der Lagerung und dem Handel mit Getreide und ist noch heute ein Wahrzeichen der Stadt.
- Andere Entwicklungen: Abt Beda Angehrn (1773–1788) liess den Hafen ausbauen und eine Strasse nach Wil bauen, was den Warentransport erleichterte. Im 17. Jahrhundert versuchte die Abtei vergeblich, in Mariaberg eine katholische Universität zu etablieren.







19. Jahrhundert
- Frühe Dampfschifffahrt: Mit der Mechanisierung des Transports wurde Rorschach zum zentralen Hafen am Bodensee. 1824 nahm der Glattdeckdampfer Wilhelm als erstes reguläres Dampfschiff auf dem Bodensee Kurs auf Friedrichshafen – Rorschach/Romanshorn. Er transportierte Passagiere und Waren, und bald folgte eine tägliche Schiffsverbindung.
- Pilgerwesen und Jakobsbrunnen: Rorschach lag an der Pilgerroute nach Santiago de Compostela. Auf dem heutigen Kronenplatz stand bis 1833 eine Jakobskapelle als Raststätte. Sie wurde abgebrochen und 1833/34 durch den Jakobsbrunnen ersetzt; der Brunnen zeigt eine schreitende Pilgerfigur. Bis heute läutet das «Jakobsglöckchen» zweimal täglich (11 Uhr und 18 Uhr).
- Stella Maris und Lehrerseminar: Im Jahr 1853 gründeten Ordensschwestern das Töchterinstitut Stella Maris. Diese Bildungsanstalt genoss bald internationales Ansehen und prägte das heutige Stadtbild. In der ehemaligen Statthalterei auf Mariaberg wurde 1864 ein kantonales Lehrerseminar eingerichtet, das Ursprung der heutigen Pädagogischen Hochschule ist.
- Eisenbahn und Verkehrsknoten: Die Verbindung nach Zürich wurde 1856 eröffnet – Rorschach war Endpunkt der Eisenbahnlinie St. Gallen–Zürich. In den folgenden Jahren folgten weitere Linien: 1857–1858 nach Chur, 1869 nach Romanshorn und 1874–1875 die Zahnradbahn nach Heiden. Der Hafen blieb wichtig, doch die Bahn schnitt den Ort in zwei Teile und veränderte das Ortsbild dauerhaft.
- Beginn des Tourismus und Bäder: Um 1840 entwickelte sich Rorschach zu einem Kurort mit Molkenkuren; diese Blüte endete, als Heiden durch die Bahn erschlossen wurde. Dennoch entstand 1924 eine Badhütte auf Stelzen im See. Diese Holzbadanstalt ist das einzige Bauwerk seiner Art am Schweizer Bodenseeufer und wurde zu einem beliebten Treffpunkt.

















20. Jahrhundert
- Industrieboom: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und im 20. Jahrhundert entwickelte sich Rorschach zur Industriestadt. Die Feldmühle war vor dem Ersten Weltkrieg die grösste Stickereifabrik der Welt; um 1910 beschäftigte sie rund 2’700 Mitarbeitende. Nach 1920 produzierte die Firma Kunstseide (Viskose) und später Klebebänder („Cellux“).
- Soziale Konflikte: Die industrielle Arbeitswelt führte auch zu Spannungen. 1905 kam es zu Arbeiterunruhen in der Giesserei und Maschinenfabrik – der sogenannte Rorschacher Krawall. Trotz solcher Konflikte wuchs die Bevölkerung; Rorschach zählte 1900 rund 9’140 Einwohnende, 1950 über 11’000.
- Verlagswesen: 1922 gründete der Drucker Löpfe-Benz den satirischen „Nebelspalter“. Die Zeitschrift wurde in Rorschach gedruckt und erschien bis 2000h.
- Bildung und Infrastruktur: Das Lehrerseminar wurde ausgebaut und später in die Pädagogische Hochschule St. Gallen integriert. Weitere Schulen und technische Institute entstanden, wodurch Rorschach auch eine Bildungsstadt wurde.
- Veränderungen und Niedergang: Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte Rorschach einen weiteren industriellen Aufschwung und erreichte 1963 seinen Bevölkerungshöchststand (ca. 13’420 Einwohner). Ab den 1970er‑Jahren führte der Strukturwandel jedoch zu Fabrikschliessungen und Arbeitsplatzverlusten. Viele Bewohnende zogen fort, und Rorschach wandelte sich von einer Industrie‑ zu einer Dienstleistungs‑ und Bildungsstadt.

















Zusammenfassung
Rorschachs Geschichte ist von seiner Lage am Bodensee geprägt. Von prähistorischen Siedlungsspuren über die römische Heerstrasse und die alemannische Siedlung Rorscahun entwickelte sich der Ort zum wichtigen Marktflecken des Klosters St. Gallen. Im Spätmittelalter versuchte Abt Ulrich Rösch, das Kloster nach Rorschach zu verlegen, was im Rorschacher Klosterbruch endete. Die Leinwandproduktion brachte Wohlstand im 17. und 18. Jahrhundert, und der Bau des Kornhauses zeugt vom Getreidehandel. Dampfschiff und Eisenbahn machten Rorschach ab 1824 zum Verkehrsknoten; die Stella Maris, der Jakobsbrunnen und die Badhütte prägten das Stadtbild. Im 20. Jahrhundert war Rorschach zunächst eine blühende Industrie‑ und Hafenstadt; nach 1970 wandelte sie sich zu einem Bildungs‑ und Dienstleistungsort.